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Wohnwelten auf höchstem Niveau – Interview mit Interior Designer Patrick Treutlein

„Klassisch modern, Mut zur Größe und sehr detailliert arbeitend“, so beschreibt Patrick Treutlein seinen Stil. Im Sommer 2020 eröffnete er seinen exklusiven Flagship Store für Interior Design in einer Nebenstraße der Düsseldorfer Königsallee. Wir haben mit ihm über kommende Wohntrends, persönliche Highlights und seine besondere Verbindung zu Lutz Rautenberg gesprochen.

Herzlichen Glückwunsch zum neuen Store, Herr Treutlein! Seit wann genau sind Sie in der Grünstraße?

Danke schön. Die Planung hat vor drei Jahren begonnen. Die dem Store zugrundeliegende Idee ist, hier – anders als in unserer zweiten Dependance in Meerbusch – ein aus italienischen Produkten zusammengestelltes Portfolio zu etablieren. Wir haben hier sieben Kernmarken, die wir hinsichtlich Fläche und Menge recht massiv präsentieren. Das Ergebnis: Kein typischer Flagship Store eines einzigen Herstellers, sondern eine Mischung aus sieben verschiedenen mit Konzentration auf ihre Essenz, also ihre besten Produkte. Statt der üblichen Monobrand-Präsentation ein Treutlein-Konvolut mit einer breiten Darstellung an Produkten und hoch qualifiziertem Personal. Wir sind keine Katalogverkäufer, sondern Architekten, die eine sehr intensive Beratung bieten. In den Store haben wir knapp 3 Millionen Euro investiert. Das ist hier also nicht einfach ein Raum, in den wir Möbel reingestellt haben, sondern wir haben faktisch alles so gebaut, wie wir es auch bei unseren Kunden machen. Es handelt sich um eine hoch professionelle, bis ins allerletzte Detail zu Ende gebaute Ausstellung – vom Parkett über Lichtdesign bis zur Technik. In den Decken sind zum Beispiel überall Boxen verbaut. Wir haben alles auf höchstem handwerklichen Niveau hergestellt. Und alles funktioniert: Die Küche ist nicht einfach nur lose hingestellt, sondern man kann hier wirklich kochen. Jedes Detail, jede Lampe ist voll einsatzfähig. Da rührt auch ein großer Teil des Investments her. Wir haben ein Jahr lang gebaut. Dazu zählte zunächst der Rückbau der Lokalität in den Rohbauzustand und von dort aus haben wir bei Null angefangen. Drei Wochen vor der geplanten Eröffnung im ersten Quartal 2020 kam dann der Lockdown und weil wir keine Ware hatten – denn die wird komplett in Italien hergestellt – hat sich alles ein bisschen verschoben. Wir haben dann Mitte des Jahres eröffnet.

Wie groß ist die Fläche?

Knapp 1000 Quadratmeter, 980 genau.  

Inwiefern unterscheidet sich der neue Store vom Stammhaus in Meerbusch-Büderich?

Der Laden in Büderich definiert sich gerade neu. Wir wollen keine Duplizierung, sondern zwei verschiedene Welten schaffen. Hier auf der Grünstraße haben wir als Kernaussage die italienische Welt, während wir in Meerbusch eine viel breiter aufgestellte Markenwelt zeigen, die aber nicht so in die Tiefe geht. Meerbusch wird zudem der Hauptstandort für die Planung und die gesamtheitliche Projektabwicklung bleiben.

Worin sehen Sie ihre wesentliche Aufgabe als Interior Designer?

Prinzipiell verstehen wir uns als jemand, der die Wünsche des Kunden kanalisiert, aber auch bewahrt und vielleicht auch seinen Horizont etwas erweitert, so dass er eine ganzheitliche perfekte Beratung bekommt. Es ist ja so, dass der Kunde, der zu uns kommt – auch wenn er gut informiert ist – natürlich nicht das breitbandige Wissen hat, das wir haben. Wir sehen zudem jedes Projekt als singulär an. Wir möchten für jeden Kunden eine ganz spezifische Sprache finden und uns möglichst nicht wiederholen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein komplettes Interieur Design neu entwickeln?

Die typische Vorgehensweise ist, dass wir nach dem ersten Gespräch mit dem Kunden die herausforderndste Kernproblematik aus dem jeweiligen Projekt pitchen. Das heißt, wir hören uns an, was der Kunde möchte, dann gehen wir in Vorleistung und pitchen einen Raum oder eine Situation. Dabei merkt man etwas, was immer unterschätzt wird: Ob die Chemie stimmt. Zu einer guten Einrichtung gehören immer zwei Parteien: zum einen wir als Berater, aber zum anderen auch der Kunde, der unseren Rat annimmt und mit uns zusammen agiert. Wenn die Chemie nicht funktioniert – und das merkt man in so einem Pitch – dann macht es eigentlich keinen Sinn, weiterzumachen.

Das heißt, dann würden Sie abbrechen?

Dann würden wir sagen, dass wir den Weg nicht so gehen, wie wir es normalerweise tun, sondern so, wie es derjenige will. Das ist nicht böse gemeint, aber manchmal passt es einfach nicht. Und gerade bei größeren Projekten muss man auch relativ sattelfest miteinander umgehen, denn – machen wir uns nichts vor – der Kunde muss natürlich auch 40 Prozent Restvertrauen in uns haben und sich fallen lassen. Wir können noch so viel zeichnen und visualisieren, irgendwann kommt der Punkt, wo er uns einfach machen lassen muss.

Wie würden Sie Ihren Ansatz oder Ihren Stil beschreiben?

Grundsätzlich haben wir eine sehr große Bandbreite, aber wir können natürlich auch nicht alles machen, dann würden wir verwässern. Wir zeigen hier eine klassisch moderne Welt in einer mit Sicherheit sehr stark ausprägten Qualitätstiefe. Das heißt, wir arbeiten unglaublich detailliert. Wir stellen also nicht nur ein Sofa irgendwo rein, sondern wir denken immer noch ein Stückchen weiter. Die Sockelleiste an der Wand ist mir genauso wichtig wie das Sofa oder der Teppich oder die Leuchte oder oder oder. Und wir denken zudem nicht kleinteilig, sondern haben auch Mut zur Größe. Die Eckpunkte unseres Stils sind also: klassisch modern, Mut zur Größe und sehr detailliert arbeitend.

Wovon lassen Sie sich inspirieren, wie entwickeln Sie neue Stilwelten?

Geschichte ist immer ein guter Inspirator. Wir leben im Moment in einer sehr – würde man es geschlechtlich ausdrücken – androgynen Welt. Das heißt, wir haben gar keine richtige Stilwelt, auch die Hersteller nicht. Ich glaube, im Rückblick wird dieses Jahrzehnt mit Sicherheit eines sein, dass nicht zuordnungsfähig ist. Interieur spiegelt sich immer sehr stark an geschichtlichen Aspekten. Die 80er und 90er Jahre hatten sehr typische Einrichtungen. Die 70er und die 60er Jahre ebenfalls. Jetzt sind wir jedoch – und ich glaube, das ist auch ein gesellschaftliches Thema – sehr breitbandig aufgestellt im Design und deswegen glaube ich, dass man eine richtige Stilrichtung zurzeit gar nicht zuordnen kann.

Was schätzen Sie besonders an ihrem Job?

Grundsätzlich steckt wahnsinnig viel Leidenschaft in meinem Job. Und diese wird aus zwei Triebfedern gefüttert. Das ist zum einen unser inzwischen über die Jahrzehnte hinweg hochgradig zufriedener Kundenstamm und das soziale Feedback. Dem Kunden ein Refugium zu schaffen, was ihm Ruhe geben oder ihn auch im positiven Sinne aufregen oder ihn inspirieren kann, das ist eine große Freiheit, die ich sehr genieße. Ich glaube, mein Job ist einer schönsten, den man wählen kann.

Haben Sie ein Lieblings-Projekt?

Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Projekte gemacht, die ausgesprochen schön waren. Mit Sicherheit sind zurzeit komplexe Ferienhaus-Projekte sehr reizvoll, weil sie eine Welt kreieren, die so etwas wie eine Zuflucht ist und die bewusst anders ist als das, was man hier im Düsseldorfer Raum macht. Letztes Jahr haben wir in England eine Farm gestaltet, die war sehr spannend und hat viel Spaß gemacht. Mein sehr arbeitsintensiver Alltag mit einer 80 Stunden-Woche wird durch solche Projekte entschädigt. Sie bieten Rahmenbedingungen, die einen inspirieren und auch emotional bedeutsam sind.

Sie arbeiten also auch international?

Ja, das haben wir schon sehr früh gemacht, weil wir nicht bange waren, überregionale Projekte anzunehmen. Wir haben keine Subunternehmer und übernehmen auch die Logistik selber. Da waren wir schon von Anfang an relativ frech. Düsseldorf ist ein guter Standort, nicht zuletzt durch den Flughafen und sein internationales Publikum. Das entfernteste Projekt, was wir hatten, war in Sydney. Das ging über ein Jahr lang und lief über Konferenzen per Skype. Da wurde alles über Ferndiagnose erörtert, dann aufgebaut, in Container gepackt und rübergeschickt.

Was bedeutet für Sie zu Hause?

Ankommen, Ruhe und Familie.

Was sind die Trends für das nächste Jahr?

Ich prognostiziere für die nächsten Jahre, dass die Wohnwelten noch cocooniger werden.  Ich mag das Wort eigentlich nicht, da es so populär ist, aber es beschreibt die aktuelle Situation eigentlich gut, weil die Geschichte und die momentanen Gegebenheiten das Bedürfnis wecken, sich ein Nest zu bauen. Diese Tendenz ist sehr stark zu bemerken. Trend sind also nach wie vor warme Oberflächen und klare Strukturen. Das Ambiente soll nicht zu steril sein – das ist das, was gewünscht wird.

Gibt es auch farbliche Trends?

Ich glaube, es wird wieder mehr Farbe kommen. Während wir in den letzten Jahren sehr erdnah gearbeitet haben, glaube ich, dass wir jetzt wieder mehr in die Farbwelten eintauchen werden.

Wie sieht es in Bezug auf die Materialien aus?

Ich glaube, dass die Tendenz, hochwertige und individuelle Materialien mit einem Manufaktur-Hintergrund zu präferieren, bestehen bleibt. Der Hersteller Henge zum Beispiel hat bei einem Regal 16 verschiedene Beizen und Wachse aufgebracht, um eine Metallfläche darzustellen. Das ist einer der Trendsetter. Gefragt sind vor allem Möbeln, die zwar etwas teurer sind, aber auch nachhaltiger und die eine Geschichte oder Emotion vermitteln. Nachhaltigkeit ist ein riesen Thema, hohe Qualität weiter auf dem Vormarsch. Ein Werkstück muss nicht unbedingt eine Anschaffung fürs Leben sein, aber ist heute meistens doch für einen längeren Zeitraum gedacht – das Gegenteil also von Ex-und-Hopp-Käufen. Ich glaube, dass diese nachhaltige Entwicklung gut ist. Storytelling ist ebenfalls essentiell, das heißt, mit den Produkten sollte stets eine schöne Geschichte verbunden sein.

Was sind Ihre aktuellen Highlights hier in Ihrem Flagshipstore?

Ein Highlight ist mit Sicherheit der Küchenhersteller Arclinea, dessen Küchen alle von Antonio Citterio designt worden sind. Citterio ist DER italienische Möbeldesigner und die ganze Kollektion ist komplett gerebootet worden, da ist alles komplett neu gemacht. Im italienischen Küchensektor kommt für mein Empfinden im Moment kein anderer an diese Qualität und diese Designsprache heran. Arclinea ist mit Sicherheit DIE große Leidenschaft von mir.

Welche Design-Klassiker gehen immer?

Wir versuchen eigentlich, uns dem Klassikerbereich zu entziehen, weil sie genau das Gegenteil unserer Philosophie sind. Das heißt nicht, dass Design-Klassiker an der richtigen Stelle nicht gut eingesetzt sind, aber man kauft sich mit ihnen ja prinzipiell eine spezifische Sprache oder ein Symbol ein. Und das ist etwas, was wir eben genau nicht wollen. Unser Ansatz ist vielmehr, dass die Einrichtung den Geist, das Wohlgefühl und das Innere des Kunden widerspiegelt und dass seine Individualität nicht überlagert wird durch eine Ikone. Aber wenn ich doch einen Lieblingsklassiker nennen dürfte, dann ist das die Berkel, eine High-End-Maschine zum Zuschneiden von Serrano- oder Parmaschinken. Die ist für mich nach wie vor ein Statement in der Küche. Ich kann sie mir stundenlang angucken und finde sie unwahrscheinlich schön. Es gibt sie bereits weit über hundert Jahre – für mich ist sie ein echtes Icon.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Herrn Rautenberg aus? Was verbindet sie?

Mit Herrn Rautenberg verbindet mich schon seit Jahren ein geistiger Austausch, der nicht zwingend von kommerziellen Interessen gesteuert, sondern auch mal beratender Natur ist. Daraus ergibt sich zwar auch das eine oder andere konkrete Projekt, aber der Austausch und das Kommunikative stehen oft im Vordergrund. Und wir haben ein sehr gutes persönliches Verhältnis.

Vielen Dank für das Gespräch!